|
Verschiedene Risikofaktoren begünstigen das Auftreten altersabhängiger chronischer Krankheiten, leisten hierdurch einem Fortschreiten allgemeiner Alterungsprozesse Vorschub und führen auf diesem Wege letztlich zu
einer Einschränkung der Lebenserwartung und Lebensqualität. Ein präventivmedizinisch ausgerichtetes Anti-Aging-Konzept sollte daher u.a. auch auf eine Ausschaltung bzw. günstige Beeinflussung vorhandener
Risikofaktoren ausgerichtet sein. In Folgendem soll auf die relevanten Risikofaktoren im Einzelnen näher eingegangen werden.
Stoffwechselstörungen und Übergewichtigkeit/Adipositas
Störungen des Stoffwechsels und Übergewichtigkeit bzw. Adipositas haben gemäss allgemeiner Lehrmeinung eine herausragende Bedeutung im Hinblick auf die Entwicklung einer Atherosklerose und ihrer
Folgekrankheiten (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall). Übergewicht fördert zusätzlich degenerative orthopädische Erkrankungen und ist mit mehreren bösartigen Tumorleiden statistisch assoziiert. Aus diesem Grund werden
diesen Themen eigene Kapitel gewidmet. Nähere Einzelheiten zu Blutfetterhöhungen, Diabetes mellitus, Harnsäure- und Homocystein-Erhöhungen bzw. Übergewicht und Adipositas sind dort nachzulesen.
Die Basismassnahme vorbeugender Behandlungsstrategien liegt im Hinblick auf Übergewichtigkeit und Stoffwechselstörungen in einer adäquaten Ernährung und regelmässiger, auf Ausdauer ausgerichteter körperlicher
Aktivität. Wenn sich Stoffwechselstörungen bereits manifestiert haben, sind in der Mehrzahl der Fälle zusätzliche medikamentöse Behandlungen unverzichtbar.
Bluthochdruck (Hypertonie)
Auch chronische Blutdruckerhöhungen sind ein wesentlicher Risikofaktor für die spätere Entwicklung von Gefässkomplikationen, insbesondere Schlaganfällen. In früheren Zeiten, als ein Bluthochdruck noch
nicht medikamentös wirksam behandelt werden konnte, war die Lebenserwartung der von Hochdruck betroffenen Patienten deutlich reduziert. Daher sollte eine Anti-Aging-Strategie auch auf eine Blutdrucknormalisierung
ausgerichtet sein.
Definitionsgemäss sollte der Blutdruck im 24-Stunden-Mittel nicht über 130/80 mmHg liegen. Dieser über 24 Stunden gemittelte Durchschnittswert kann mit Hilfe einer Langzeit-Blutdruckmessung diagnostisch erfasst
werden. Bei Gelegenheitsmessungen des Blutdruckes sollte der im Ruhezustand zu ermittelnde Einzelwert nicht über 140/90 mmHg liegen. Beträgt der Ruheblutdruck mehr als 140/90 mmHg, spricht man von einem
Grenzwert-Hochdruck (Borderline-Hypertonie), wenn der Wert unter 160/95 mmHg liegt; ein manifester und in jedem Fall behandlungsbedürftiger Bluthochdruck liegt anderseits vor, wenn die Werte über 160/95 mmHg liegen.
Begünstigt wird ein Bluthochdruck durch Übergewichtigkeit, mangelnde körperliche Bewegung, vermehrten Stress, Schlafstörungen und ggf. auch übermässige Kochsalzzufuhr.
Eine wirksame vorbeugende Strategie sollte daher auf eine Gewichtsnormalisierung, regelmässige, auf Ausdauer ausgerichtete körperliche Aktivität, geregelten Schlaf, Vermeidung übermässiger Stressbelastung bzw. eine
Verbesserung der Stressbewältigung und eine Einschränkung der Kochsalzzufuhr ausgerichtet sein.
Stress
Stress fördert die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Krankheiten, vor allem im Zusammenwirken mit anderen Risikofaktoren. Zusätzlich verringert chronischer und übermässiger Dauerstress die Immunabwehr des
Körpers, führt zu vermehrter Infektanfälligkeit, Schlafstörungen und ggf. auch zu Störungen des hormonellen Gleichgewichtes (z. B. Schilddrüsenüberfunktion, Cortisol- und Prolaktin-Erhöhungen, Veränderungen der
Sexualhormonspiegel).
Nicht jede Art von Stress ist gleichermassen gesundheitsschädlich. So unterscheidet man im allgemeinen zwischen einem nicht gesundheitsschädlich einzustufenden, eher günstigen Stress (sog. Eustress) und dem
gesundheitsschädlichen Dysstress. Bei beiden Stressformen laufen weitgehend vergleichbare physiologische Reaktionen ab. Dennoch führt der Dysstress offenbar zu gesundheitlichem Schaden, da er psychisch negativ
besetzt ist.
Eine vorbeugende Strategie sollte daher Hilfestellungen vermitteln, Dysstress zu vermeiden und die Verarbeitung von Dysstress zu verbessern. Dies kann auf verschiedenen Wegen realisiert werden. In Betracht kommen
beispielsweise Entspannungstechniken, sportliche Aktivitäten, Pflege von Hobbys und positiven Sozialkontakten, etc., im Einzelfall zusätzliche psychologische Einzel- oder Gruppentherapien (Psychotherapien),
beispielsweise im Falle von “Mobbing” und anderen chronischen Konflikten.
Schlafstörungen
Geregelter und ausreichender Schlaf ist für eine langfristige Gesundherhaltung von ausschlaggebender Wichtigkeit. Es konnte nachgewiesen werden, dass chronischer Schlafentzug das Immunsystem schwächen und die
Stresstoleranz verschlechtern kann. Weiterhin findet auch die Produktion verschiedener Hormone schwerpunktmässig im Schlaf statt, so z.B. von Melatonin, Cortisol, Testosteron und Wachstumshormon.
Im Rahmen eines Anti-Aging-Konzeptes ist zu berücksichtigen, dass das Schlafbedürfnis und der im Einzelfall erforderliche Schlafrhythmus erhebliche individuelle Unterschiede aufweisen kann. Das tägliche
Schlafbedürfnis des Erwachsenen bewegt sich zwischen sechs und zehn Stunden, bei einem statistischen Mittel von acht Stunden. Hieraus ergibt sich, dass im Extremfall einzelne Personen im biologischen Sinne ausgeruht
und leistungsfähig sind, wenn sie pro Tag nur sechs Stunden schlafen, wohingegen andere Individuen ggf. auf zehn Stunden täglichen Schlaf angewiesen sind, um ein entsprechendes Mass an Ausgeruhtheit und
Leistungsfähigkeit zu erreichen. Hier handelt es sich um biologisch vorgegebene individuelle Erfordernisse, die nicht ohne Inkaufnahme gesundheitlicher Schäden “umtrainiert” werden können. Zusätzlich ist ins Kalkühl
zu ziehen, dass auch der Schlafrhythmus für jeden Einzelnen biologisch vorgegeben ist. Extremfälle sind jeweils der klassische Morgen- und Abendtyp. Der Morgentyp wacht etwa gegen 6.00 Uhr auf und erreicht ca. gegen
22.00 Uhr bereits eine schlafbedürftige Müdigkeit. Der Abendtyp läuft
während des Abends andererseits zur Höchstform auf, wird vor Mitternacht kaum müde und schläft, wenn es ihm möglich ist, entsprechend länger bis etwa 9.00 oder 10.00 Uhr. Es liegt auf der Hand, dass in der modernen Arbeitswelt in vielen Fällen die biologisch vorgegebenen Schlafrhythmen nicht eingehalten werden können. Nachhaltige gesundheitliche Schäden in späteren Jahren können die Folge sein.
Bestehende Schlafstörungen können im Rahmen eines Anti-Aging-Konzeptes unter anderem angegangen werden durch bewusstes Eingehen auf die jeweiligen biologischen Erfordernisse, psychologische Behandlungen bei
schlafbeeinträchtigenden psychischen Faktoren, dosierte körperliche Aktivierung, entspannungsfördernde physiotherapeutische Massnahmen, Vermittlung geeigneter Entspannungstechniken, ggf. zusätzliche Anwendung von
Akupunktur und vorwiegend pflanzlichen Präparaten zur Schlafförderung und Stimmungsaufhellung (z.B. Baldrian, Hopfen, Johanniskraut).
Bewegungsmangel
Bewegungsmangel fördert die Entstehung von Übergewichtigkeit, Diabetes mellitus, Blutfett- und Harnsäureerhöhungen, Bluthochdruck und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Darüber hinaus können auch
Verdauungsstörungen (Verstopfungszustände), Immunschwächen, Thrombosen und Krampfaderleiden durch Bewegungsmangel begünstigt werden.
Im Rahmen einer ganzheitlichen Anti-Aging-Strategie ist daher auch eine dosierte körperliche Aktivierung
mit vorzugsweise ausdauerverbessernder Zielsetzung von großer Wichtigkeit. Es existieren Studien, denen zu Folge ein tägliches Zurücklegen von drei Kilometern bei Männern das Infarkttod-Risiko halbieren und das Krebstod-Risiko um zwei Drittel reduzieren kann. Geeignete Behandlungsmassnahmen sind Trainingstherapien, die vorzugsweise Laufen, Radfahren, Schwimmen und Wandern berücksichtigen.
Nikotin
Rauchen begünstigt, wie allgemein bekannt, in erheblichen Ausmass die frühzeitige Entstehung der Atherosklerose und ihrer Folgekrankheiten, speziell des Herzinfarktes und “Raucherbeines”. Zusätzlich fördert Rauchen
die Entstehung von Lungenkrebs (Bronchialcarcinom), Lippen-, Zungen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Magen-, Bauchspeicheldrüsen-, Brust-, Nieren- und Harnblasenkrebs. Diese Tumoren werden teils durch direkten
Schleimhautkontakt mit den krebserregenden Inhaltsstoffen des Rauchs hervorgerufen, teils über den Blutkreislauf im betreffendem Organ induziert, da mehrere der krebserregenden Inhaltsstoffe über die Lungengefässe
in den Blutkreislauf gelangen. Ausgeschieden werden die ins Blut gelangenden krebserregenden Stoffe über den Urin; hieraus erklärt sich die Beziehung des Rauchens zu Nieren- und Harnblasenkrebs.
Eine Nikotinkarenz sollte daher im Interesse prognoseverbessernder Vorbeugungsstrategien in jedem Fall angestrebt werden. Hilfestellungen hierfür können Nichtraucher-Trainingsgruppen, psychologische Begleitung,
vorübergehend anwendbare nikotinhaltige “Ersatzpräparate” und Akupunktur geben.
Ballaststoff- und Vitaminmangel
Wie im Kapitel zur Ernährungstherapie ausführlich dargestellt wird, ist eine hinreichende Versorgung mit Vitaminen und Ballaststoffen für eine langfristige Gesunderhaltung des Organismus essentiell. Andererseits ist
die heutzutage praktizierte Ernährung in vielen Fällen an Vitaminen und Ballaststoffen verarmt. Aus diesen Gründen sollte auf regelmässige Zufuhr von Obst und Gemüse, Salaten und Vollkornprodukten geachtet werden.
Im Idealfall sollten Erzeugnisse aus biologisch hochwertigem Anbau bevorzugt werden, da in vielen Lebensmitteln auf Grund moderner Massenproduktion gewisse Verarmungen an Vitaminen und Spurenelementen aufgetreten
sind.
Konkret zu empfehlen wären regelmässiger Verzehr von Kartoffeln, ungeschältem Reis, Blatt- und Kohlgemüsen, diversen Salaten (zumindest grüner Salat und Tomatensalat) und ein Verzehr von jeweils etwa fünf Stück Obst
und Gemüse pro Tag.
In Einzelfällen, z.B. bei bestimmten Nahrungsunverträglichkeiten oder in Phasen eines erhöhten Vitaminbedarfs, kann es durchaus sinnvoll sein, die Palette der erforderlichen Vitamine und Spurenelemente in
medikamentöser Form bzw. nahrungsergänzend zu verabreichen. Hierfür stehen medikamentöse Präparate zur Verfügung, die Vitamine und Spurenelemente in einer dem natürlichen Bedarf entsprechenden Menge enthalten;
alternativ existieren konzentrierte Obst- und Gemüse-Extrakte, bei denen die jeweiligen Vitamine und Spurenelemente in ihrem natürlichen Verhältnis vorhanden sind.
Arbeitsplatz und Umwelt
Es ist unbestritten, dass gerade in den Industrienationen verschiedene Arbeitsplatz- und Umweltfaktoren existieren, die sich auf den Gesundheitszustand schädlich auswirken können. Diese Thematik ist im Speziellen
Gegenstand der Arbeits- und Umweltmedizin; daher soll im Rahmen dieses Beitrages auf eine Darstellung weitere Details verzichtet und auf einschlägige Quellen dieser anderen Fachdisziplinen verwiesen werden.
Dennoch sollte im Gesamtkonzept einer individuell ausgerichteten Anti-Aging-Strategie auch die berufs- und umweltbezogene individuelle Situation des jeweiligen einzelnen Patienten analysiert werden, damit im Rahmen
des Möglichen etwaige vorhandene gesundheitsschädliche Arbeits- oder Umweltfaktoren eliminiert werden können.
Radioaktivität
Die Radioaktivität soll als existierender Umweltfaktor gesondert erwähnt werden, da weit mehr als 90 % der insgesamt bestehenden Strahlenbelastung in der Bevölkerung durch die medizinische Nutzanwendung von
Röntgenstrahlen und sonstigen radioaktiven Strahlen im Rahmen von nuklearmedizinischer Diagnostik und Strahlentherapie hervorgerufen werden.
Dies bedeutet keinesfalls, dass der hohe Stellenwert dieser wertvollen diagnostischen und therapeutischen Verfahren in Frage gestellt werden soll. Andererseits erscheint ratsam, bei vorgesehener diagnostischer
Anwendung im Rahmen der radiologischen und nuklearmedizinichen Diagnostik jeweils kritisch zu hinterfragen, ob die vorgesehene Untersuchung tatsächlich notwendig ist und ob ggf. Alternativmethoden zur Verfügung
stehen, die bei vergleichbarer diagnostischer Aussage frei von Strahlenbelastung sind (z. B. Ultraschalldiagnostik, Endoskopie, Kernspintomographie).
In diesem Sinne kann auch ein Verzicht auf entbehrliche strahlenbelastende medizinische Untersuchungen einen gewissen Beitrag zur langfristigen Gesunderhaltung leisten.
Copyright:
Prof. Dr. Piper, Meduna-Klinik, 56864 Bad Bertrich, Tel.: 02674 / 182 0, Fax: 02674 / 182
3182
|